Anstand. War da mal was?
Ein Kommentar von Ute Kretschmer-Risché, 1. Vorsitzende Pro Demokratie Mittelbaden.
Stell dir vor, du verlierst einen geliebten Menschen. Du trauerst, ziehst dich zurück. Die Welt dreht sich weiter, aber für dich steht sie still.
Stell dir vor, du stehst an der Spitze der Politik. Kritik, Angriffe und Widerspruch gehören zum Amt. Doch wo endet die politische Auseinandersetzung und wo beginnt persönliche Grausamkeit?
Der Rücktritt von Bärbel Bas. Sprechen wir PolitikerInnen menschliche Regungen ab? Müssen sie nur funktionieren? Und welche Politik bekommen wir dann? In Abwandlung eines dummen Spruches aus meiner Kindheit: „Ein Politiker kennt keinen Schmerz“.
Müssten wir nicht weiter sein? Die Würde des Menschen ist unantastbar – auch die von Menschen, deren Ansichten wir ablehnen! Doch genau diese Grenze wird zunehmend überschritten. Die AfD hat die Grenzen des Sagbaren verschoben, andere machen längst mit. In sozialen Medien werden Häme, Verachtung und persönliche Angriffe zum politischen Stil. Besonders Frauen sind betroffen: Sie werden herabgewürdigt, oftmals sexistisch beleidigt und aus dem öffentlichen Raum gedrängt. Wer politische Verantwortung übernehmen will, braucht einen Panzer – und sollte möglichst keine Gefühle zeigen.
Das ist nicht nur unanständig, sondern demokratiegefährdend. Wenn wir politische Debatten so verrohen lassen, werden sich immer weniger Menschen bereitfinden, Verantwortung zu übernehmen. Oder nur noch diejenigen, die keine Rücksicht nehmen. Wollen wir das wirklich?!
Demokratie braucht Streit, auch harten Streit. Aber sie braucht ebenso eine Grenze: eine persönliche Brandmauer gegen Entmenschlichung. Wir müssen uns auch selbst fragen, wann wir abwertende Bemerkungen machen, gehässige Witze reißen oder andere schlechtreden.
Eine Gesellschaft, die politische Gegner ihrer Würde beraubt, zerstört die Grundlage ihrer eigenen Demokratie. Das scheint von einigen gezielt gewollt. Andere tragen das gedankenlos, empathielos, auf jeden Fall unanständig mit. Wir haben die Wahl. Noch.
Das beschäftigt mich. Anstand gilt für mich privat, beruflich, gesellschaftlich und politisch. Dafür sollten, nein müssen wir uns einsetzen.